Erstens kommt es anders…

und zweitens als man denkt. Oder als man plant, oder als man will…

Eines hat uns Lissabon auf jeden Fall gelehrt: Pläne? Völlig obsolet!

Unser Stellplatz in Belém/Lissabon

Unser Stellplatz in Belém/Lissabon

Wir verabschieden uns von allen und verlassen dieses schöne Fleckchen portugiesische Erde. Helga und Günther hatten uns einen recht zentrumsnahen Parkplatz in Lissabon zur Übernachtung empfohlen. Dieser liegt im schönen und etwas ruhigeren Stadtviertel Belem. Obwohl „ruhig“ im Auge des Betrachters liegt oder vielmehr im Ohr des Hörenden: keine 15m entfernt schlängelt sich die vierspurige Straße durch die Stadt, die in ihrer Mitte auch noch die Schienen der Metro beherbergt, auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich der Fähranleger und über unseren Köpfen herrscht ein wahres Flugzeugchaos. Trotzdem schlafen wir wie Babies.

Unser Plan: die Metro ins Zentrum Lissabons nehmen, dort den Weihnachtsmarkt genießen, danach in eins der veganen Restaurants einkehren, die die App Happy Cow ausgespuckt hat, danach einen Spaziergang durch den Stadtkern machen und vielleicht noch in einer der Kirchen eine landestypische Weihnachtsmesse erleben…

Die Realität: die Stadt fast in die falsche Richtung verlassen, da wir ewig brauchen, um das Metrobezahlsystem zu durchblicken. Zwecklos, wir haben es trotzdem nicht verstanden. Und wir stehen am falschen Gleis. Günther, der das Elend beobachtet hat, fuchtelt auf dem Parkplatz hektisch mit den Armen und verweist uns auf das gegenüberliegende, richtige. Der Weihnachtsmarkt im Lissabonner Zentrum wird gerade geschlossen, wir hören noch die letzten Takte eines Weihnachtsliedes. Wir verbringen darauf Stunden damit, die herausgesuchten Restaurants abzuklappern. Aussichtslos, alle sind geschlossen. Natürlich, wie sollte es am Weihnachtsabend auch anders sein. Selbst in Leipzig haben an diesem Tag die meisten Kneipen, Bars und Restaurants ab 14 Uhr nicht mehr geöffnet. Keine Ahnung, warum sich das romantische Bild von uns zweien im veganen Restaurant bei weihnachtlicher Musik und Kerzenschein in Lissabon festgesetzt hat.

Doch dann gibt es doch noch Grund zur Freude: wir sehen auf unserer Wanderung durch die ganze Stadt eine Kirche, die nicht geschlossen hat und es scheint darin auch noch eine Weihnachtsmesse stattzufinden. Wir gehen hinein. Ein älterer Mann kommt herein, etwas desolat und mager. Er hat ein Basecap auf, was einem der Kirchenbediensteten gar nicht gefällt. Dieser bittet den Mann, wie jeden, der die Kirche mit einer Kopfbedeckung betritt, sie abzunehmen. Der Mann versteht nicht, er schaut nur unbeholfen. Er wird ein zweites Mal darum gebeten. Wieder nichts, der Mann mit dem Basecap tritt langsam rückwärts gen Ausgang, er scheint davon auszugehen, nicht erwünscht zu sein und will den Rückweg antreten. Plötzlich fällt das Basekap herunter, der Mann schaut ganz verdutzt. Der Kirchenbedienstete hat es ihm ganz unerwartet einfach vom Kopf gewischt. Nun wird gerangelt, geschubst, geboxt, direkt vor uns und endet schlussendlich mit einer lauten Schlägerei mitten in der Kirche, am Weihnachtsabend. Oh du fröhliche, oh du seelige Nächstenliebe…

Kurz darauf kehrt der Kirchenbedienstete zurück an seinen alten Platz, fällt auf die Knie und beginnt mit schmerzverzerrtem Gesicht sein Gebet zum Allmächtigen. Vielleicht wünscht er sich in diesem Moment für die nächste, ähnliche Situation mehr Mitgefühl. Ich hoffe es zumindest und bete für ihn.

Unser Weihnachtsessen

Unser Weihnachtsessen

Nach diesem gratis Weihnachtsboxkampf haben wir uns einen Happen zu Essen verdient. Da ja nun alle veganen Restaurants geschlossen haben und wir auch sonst nichts adäquates finden, landen wir am Ende dieses besinnlichen Weihnachtsabends in einem Döner Kebab Imbiss, mit Wandschimmel bis in Augenhöhe, der versifftesten Küche, die ich je gesehen habe und einem Klientel wie es sich der Hamburger Kiez wohl wünschen würde. Egal, der Hunger treibt uns an unsere Grenzen. Danach sind wir satt und haben auch die nächsten 24 Stunden keinen Durchfall. Ein besseres Weihnachtspräsent bekommen wir an diesem Tag wohl nicht mehr.

 

Am nächsten Tag geben wir der Stadt eine zweite Chance, immerhin kann sie nichts für all die Missgeschicke. Das Metrobezahlsystem verstehen wir allerdings immer noch nicht, wir bezahlen zu viel oder fahren schwarz. Keiner weiß es genau.

Lissabon zu Fuß

Lissabon zu Fuß

Das vegane Restaurant, was gestern geschlossen hatte, ist heute glücklicherweise geöffnet. Wir schlagen uns bei einem „all-you-can-eat-Buffet“ den Bauch voll. Zur Verdauung schlendern wir durch die Straßen. Was wir nicht zu Fuß schaffen, lassen wir die Straßenbahnlinie 28 für uns erledigen. Diese Bahn bietet in bequemer Position in einer ca. einstündigen Fahrt einen Blick und ein Foto auf viele der Highlights Lissabons. Man sollte sie für den Garant eines Sitzplatzes am Morgen oder am Abend nutzen. Wir rattern sitzend die unglaublich steilsten Straßen herauf und herunter. Manchmal sind diese so eng, dass man bei einem zu weiten Blick aus dem Fenster Gefahr läuft, die Nase durch eine Hauswand gekürzt zu bekommen.

Lissabons Tram 28

Lissabons Tram 28

Immer besteht die Möglichkeit, an der nächsten Haltestelle rauszuspringen. Das tun wir dann auch an einem der vielen Miradouros, von denen sich ein wunderbarer Panoramablick auf die gesamte Stadt bietet.

Blick auf Lissabon

Blick auf Lissabon

Den Abend lassen wir mit Portwein und Rommé bei Helga und Günther im Wohnwagen ausklingen. Endlich breitet sich ein warmes und besinnliches Gefühl in uns aus. Es ist Weihnachten! Frohes Fest!

Orangen - erst am Baum, dann in meinem Mund

Orangen – erst am Baum, dann in meinem Mund

Lissabon hat es uns schwer gemacht, es sofort ins Herz zu schließen, hat es am Ende jedoch trotzdem geschafft, wenigstens die Tür dazu zu öffnen. Dem Weihnachtsbonus sei Dank!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.