Giantville – auf dem Rücken eines Urzeitmonsters

Von Bodø aus nehmen wir die Fähre nach Moskenes auf den Lofoten. Die Überfahrt ist entspannt. Keine großen Wellen, die an den Bug schlagen und unsere Mägen herausfordern. Die Sonne scheint, es weht ein frisches Lüftchen.

Überfahrt von Bodø nach Moskenes

Nach etwas über 3 Stunden nähern wir uns langsam der gezackten Wand der Lofoten. Es scheint, als würde ein gigantisches Urzeitmonster aus der diesigen Meeresluft vor uns aus dem tiefen dunkelblauen Ozean auftauchen. Jederzeit bereit, an die Wasseroberfläche zu kommen und einen markerschütternden Schrei auszustoßen. Seine spitz gezackten Rückenflossen ragen steil aus dem Wasser. Einige sind grün bewachsen, die anderen einfach nur grau und karg. Schon von der Fähre aus ist der Anblick beeindruckend. Ein Gefühl der Kleinheit durchfährt mich: muss man sich selbst immer als zu wichtig nehmen, in all dem Reichtum und der Vielfalt?

Die Lofoten

Auf der Fähre stürzen alle aufgeregt hin und her, jeder will ein Foto und jeder bekommt auch eins, oder zwei oder zwanzig. Durch die App park4night finden wir einen richtig schönen Stellplatz in einem alten Schieferbruch von dem wir uns die nächsten Tage auch nicht wegbewegen. Zu Fuß erkunden wir die umliegenden kleinen Fischerdörfer wie Sørvågen und Moskenes. Der Stellplatz scheint nicht unbekannt zu sein. Jeden Tag lernen wir andere nette Menschen aus aller Welt kennen.

Ausblick aus der Frontscheibe für 4 Tage

Dann zieht es uns weiter, nach Reine. Auf unzähligen Bildern, auf Instagram, in Reiseblogs oder –magazinen, überall lassen sich Aufnahmen dieser Symbiose aus Natur und Kultur finden. Hinter pittoresken rot-weiß bemalten Fischerhäuschen und Holzgestellen, auf denen der Kabeljau zu Stockfisch trocknet, erhebt sich eine imposante und gigantische Bergkulisse, die man so nur nachgebaut in einigen europäischen Freizeitparks vorfindet.

Blick auf Reine von unten

Wir wollen den 448m hohen Reinebringen besteigen, von dessen Spitze man einen atemberaubenden Blick auf das dann nur klitzekleine Reine und die umliegenden Berge hat. Es ist einer der bekanntesten Hikes auf den Lofoten. Schon beim Einstieg unten an der Straße warnen uns Schilder vor der Gefährlichkeit des Pfades. Vor ca. einem Jahr scheint hier ein junger Reisender ums Leben gekommen zu sein. Der hiesige Tourismusverband empfiehlt diesen Wanderweg seitdem nicht mehr. Und ganz ehrlich, hat das auch nichts mehr mit Wandern zu tun, denn hier müssen durch die extreme Steigung und Unwegsamkeit alle vorhandenen Gliedmaßen zu Hilfe genommen werden. Erosion hat den Pfad stark in Mitleidenschaft gezogen.

Steiler als es aussieht!

Durch die vielen Wanderer ist der Pfad ausgetreten, schlammig und voller loser Steine. Mir kommen beim Aufstieg Steine entgegen, losgetreten von einem Wanderer vor uns weiter oben. Wir kehren um, denn selbst für mich, die wenig Probleme mit Höhe hat, ist das einfach zu heftig. Ein toller Ausblick geht uns flöten aber auf den Lofoten gibt es so unendlich viele Alternativen, wie beispielsweise die Wanderung zum Ballstadheia oder Festvågtind.

Ballstadheia

Unsere erste Alternative zum Reinebringen ist der Ballstadheia. Wir fahren von Gimsøy zurück nach Vestvågøy. Über die Stadt Leknes geht es nach Ballstad. Mit Eddi Vedder im Ohr und Sonne im Gesicht genießen wir die Fahrt durch schönste Lofotenlandschaft. Gezackte Bergspitzen, die die Sonne brechen, Meeresbuchten mit dem klarsten Wasser, das ich jemals gesehen habe und dramatische Wolkenformationen, die sich träge und schwer über die Berge schieben. Von der E10 biegen wir links auf die 818. Bevor diese Straße kurz vor dem Meer endet, biegen wir noch einmal rechts ab und erreichen nach kurzer Zeit den Parkplatz. Kurz danach beginnt ganz unkompliziert der Wanderpfad hoch zum Gipfel. Der Hike ist moderat, aber anfänglich recht steil, staubig und voller Geröll. Konzentration und Trittsicherheit sind gefragt. Nach ca. 30 Minuten erreicht man eine weite Feuchtwiese mit Blaubeeren, Heidekraut und Moosgewächsen. Von hier gehen Wanderwege so ziemlich in alle Richtungen, auch noch weiter nach Oben.

Aussicht genießen

Wir genießen den Ausblick auf Ballstad auf der rechten Seite und links auf das diesige Gozilla- äh… Bergpanorama, Reine inklusive Reinebringen und winzige Wanderer, die den Ausblick wiederrum in unsere Richtung genießen.

Was für ein Ausblick!

Nach unserer Wanderung fahren wir zum Haukelandstrand, an dem wir bereits vor einigen Tagen eine Nacht verbracht haben. Es ist ein schönes Fleckchen Erde mit kritallklarem Wasser, einem weißen Sandstrand und einem weiten Wiesengelände dahinter. Neben einer Liste an Verhaltensregeln (Haltet den Strand sauber, Hunde an die Leine etc.) ziert den dortigen Parkplatz und die Umgebung ebenfalls ein riesiges Camping-verboten-Schild. Die Wiese zieren wiederrum ca. 30 Zelte, den vorgelagerten Parkplatz ca. 15 Wohnmobile bzw. Camper.

So ist das mit Verboten…

Es wird Feuer gemacht, Isomatten werden in Zelte gelegt, Schlafsäcke ausgeschüttelt, Essen auf Kochern erwärmt. Die Stimmung ist einmalig. Einmalig, bis früh 4 Uhr… Schlafen fällt bei solch einer Fluktuation schwer.

Der Haukeland-Strand

Robbe in Sicht!

Festvågtind

Den Festvågtind erreicht man über die E10 Richtung Henningsvær. Dieses Gebiet ist internationales Kletterparadies. Überall am Fuße des Berges sind Zelte aufgebaut. Wir stellen das Auto auf einen der zahlreichen Parkplätze und los geht’s. Von der Straße 816, die auch nach Henningsvær führt, schlagen wir uns in ein Busch- und Baumdickicht. Der steile Pfad besteht aus dicken Wurzeln, Steinen und Schlamm. Linkerhand liegen die Mauerreste eines Hauses. Nun geht es über ein riesiges Geröllfeld. Mit Sicherheit der Grund für die Mauerreste. Es sieht aus als hätten Steinriesen hier einen ihrer legendären Kämpfe ausgefochten. Die Steine sind gigantisch und liegen hoffentlich schon eine sehr lange Zeit hier unten. Es geht erst rechts, später links am Geröllfluss vorbei. Ab und zu besteht Rutschgefahr. An einigen Stellen müssen auch die Hände mitarbeiten. Es wird noch steiler, als wir links an einer Felswand den Berg hinauf müssen.

Ausblick links vom Kamm

Endlich – die Knie und Waden schreien bereits – oben angelangt, geht es über einen schmalen Kamm zur Spitze des Festvågtind. Während ich den Kamm überquere schaue ich links und rechts an mir herunter: nichts als Leere schaut zurück. Es geht schnurgerade in die Tiefe, bestimmt 500-600m. Der Ausblick von hier oben ist atemberaubend, nasser Wind peitscht mir ins Gesicht, das Wetter hat zum ca. zehnten Mal relativ plötzlich gewechselt. Möglich, dass unten die Sonne scheint, durch die dicken, grauen Wolken sehe ich es leider nicht.

Vom Festvågtind auf Henningsvær geschaut

Die Wanderung ist moderat bis schwierig, weil es viele sehr steile Passagen gibt. Meiner Meinung nach jedoch besser als der Pfad zum Reinebringen. Eine echte Alternative! Die nächsten 3 Tage stehen wir mitten in Henningsvær, erkunden den Ort sowie seine Cafeterien und beobachten Seeadler bei ihrem Flug durch die bizarre Landschaft. Mic findet nach langer Suche sogar 4 kleine Seeadlerfedern und strahlt wie ein Honigkuchenpferd.

Henningsvær mit dem Festvågtind im Hintergrund

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Kvalvika Beach

Keine Alternative zum Reinebringen aber zu einigen wunderschönen Stränden in Äquatorialnähe ist Kvalvika Beach. Dieser Strand, zweigeteilt durch eine Felswand, gehört zu den malerischsten Stränden der Lofoteninseln. Türkisfarbenes, klares Wasser überspült weiß-goldenen Sand, bedrohlich wirkende Felswände ragen steil in die pastellrosa Wolken. Vereinzelt aufgebaute Zelte auf den grasbewachsenen Dünen wirken wie bunte Blumen auf einer sattgrünen Wiese. Äh…, genug des Traumbildes: Der Sand ist durch die vielen Wanderer, Camper und Neugierigen eher dreckig schwarz, die Temperatur liegt an diesem Tag bei ca. 17 Grad Cesius und wo viele Camper sind, wird auch viel gekackt.

Kvalvika

Nicht nur als Tageswanderung bekannt und beliebt, sondern auch als Campspot, ist der Parkplatz überfüllt, so dass am Rand der eh schon recht schmalen Straße geparkt wird, was vor allem für so breite Fahrzeuge wie unseres ein Problem darstellen kann. Der Weg zum Strand ist steinig, manchmal auch sumpfig-schlammig aber nicht wirklich beschwerlich. Beim Abstieg zum Strand wird es steil, die Knie ächzen unter der Last des Körpers, doch zu steil wird es nie.
Und trotzdem fühlt man sich ein bisschen, wie Leonardo di Caprio in dem Film „The Beach“, als er endlich nach so langer Suche, diesen einen so geheimnisumwobenen, perfekten Strand betritt. Man besteigt die letzte Anhöhe und es eröffnet sich einem ein paradiesischer Anblick, der doch sehr der obigen Beschreibung ähnelt. Die Sonne sinkt langsam und träge auf die Horizontlinie zu und verfärbt sich orangerot als bereite ihr dieser Abstieg eine noch größere Anstrengung als der unsere zum Strand. Himmel und Wolken verwandelt sich in ein wahres Pastellmeer und als die Sonne mit dem Ozean verschmilzt, treten wir den Rückweg an.

Wer nach diesen 2km vom Parkplatz bis zum Strand noch nicht genug hat, kann sich weiter auf den Berg Ryten kämpfen, der rechts des Strandes 543m aus dem Wasser ragt. Doch der Aufstieg lohnt sich: Der Blick vom Gipfel zurück auf Kvalvikabeach, den umliegenden Bergen und den winzig kleinen Zeltpunkten auf den grasbewachsenen Dünen ist wirklich spektakulär.
Vom Strand beginnt rechts ein steiler Pfad, später etwas flacher werdend, dem man bis zu einem kleinen See folgt. Nachdem der See hinter Euch liegt, folgt Ihr dem Pfad linkerhand vor Euch Richtung Gipfel. Solltet Ihr ihn mal aus dem Auge verlieren, ist das nicht schlimm, einfach immer am Berg orientieren, bis Ihr einen sichtbareren, ausgetretenen Pfad erreicht. Oben werdet Ihr garantiert mit einem unvergesslichen Ausblick belohnt, um Euch dabei aber auch gleichzeitig den Atem zu rauben!

Den Atem geraubt, haben uns die Inseln der Lofoten nicht nur einmal. Das können sie gut. Auch zu der Erkenntnis zu gelangen, ein Winzling zu sein, neben all der schönen Schroffheit oder der schroffen Schönheit, fällt nicht schwer. Wir verlassen die Lofoten mit noch nicht ganz geschlossenen staunenden Mündern und glänzenden Augen. Die Zacken und Spitzen verlieren mit jedem gefahrenen Kilometer Richtung Vesterålen hinter uns an Größe und ich bin mir sicher, wenn ich in den Rückspiegel schaue, sehe ich, wie sich dieses riesige Urzeitmonster aus dem Ozean erhebt, aufbäumt und die kalte, klare Nordluft mit einem gellenden Schrei zerschneidet. Meine Ohren summen. Doch als ich mich umdrehe, liegt alles still und friedlich und verschwindet allmählich ganz aus unserem Sichtfeld.

Noch ein Tipp für die Reise auf die Lofoten mit der Fähre:

Von Bodø nehmen wir die Fähre auf die Lofoten und bezahlen für 2 Personen und unseren unter 6m langen Campervan genau 901 NOK, also umgerechnet fast 97€. Was in Anbetracht der Strecke und des allgemeinen Preis-Leistungsverhältnisses in Norwegen doch recht günstig ist. Eine hundertprozentige Garantie, auf die Fähre zu kommen, gibt es leider nicht, denn viele wählen diesen Weg auf die Lofoten. Tickets kann man vor Ort erwerben oder vorher reservieren. Die Reservierung alleine kostet jedoch bereits 160 NOK Bearbeitungsgebühr, also ca. 17€. Die Fähre verlässt Bodo 7 mal am Tag, die erste 00:45, die letzte 17:45Uhr. Genaue Abfahrtszeiten erfahrt Ihr vor Ort.

Seid Ihr erstmal auf der Fähre, der Motor ist aus, die Handbremse angezogen und der erste Gang ist eingelegt, ist zu beachten, dass Ihr während der gesamten Überfahrt nicht in Euer Auto könnt. In Ausnahmefällen ist das nur in Begleitung des Bordpersonals möglich. Da Ihr fast 4 Stunden überbrücken müsst, ist etwas zu Essen und zu Trinken oder wenigstens Geld, dass Ihr an der Bordbar gegen Nahrung tauschen könnt, sehr hilfreich, um nicht wie wir mit hungrigen Mägen der Ankunft entgegenzufiebern.

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