Norwegen: hier ist nichts umsonst

Es wird schwierig: Norwegen hat bei der Verteilung schöner Landschaften, beeindruckender Berge, tiefer Schluchten, sattgrüner Täler, rauschender Wasserfälle, majestätischer Fjorde und azurblauer Gletscher am lautesten geschrien. Wir haben also ein Problem, wir müssen uns entscheiden. Na toll. Ein Luxusproblem, aber dennoch stellt es uns jeden Tag vor die Frage, was wollen wir erleben, was wollen wir unternehmen und welche Route nehmen wir dorthin.

Eine der vielen Fährfahrten

Eine der vielen Fährfahrten

 

Wir beginnen die ersten Tage in Norwegen mit für diese Gefilde fantastischem Wetter: Sonnenschein und 23 Grad. Doch hier beginnt ebenfalls wieder Mautgebiet, ob an Brücken, vor Tunneln, für Städte durch die man fährt, Wasserfälle, die man passiert, oder für die Fähre, alles muss bezahlt werden. So kommen pro Woche je nach Autotyp (unterschieden wird zwischen PKW unter 3,5t und alles über diesem Wert) und Strecke locker 20-50€ zusammen.

 

 

Die Tunnel in Norwegen übertreffen alles in meiner Autofahrerkarriere bisher Dagewesene: ein- oder zweispurige mit Gegenverkehr, beleuchtete oder unbeleuchtete (wirklich wirklich finstere!), mit und ohne Standstreifen oder Notausgang, mit 8-18% Gefälle oder Steigung, 70m oder 24,5km lang, trockene oder so feuchte, dass einem von außen die Windschutzscheibe beschlägt, mit sehr viel Verkehr oder gar keinem, unter riesigen Bergmassiven oder Fjordarmen hindurch. Norwegen bringt mich diesbezüglich manchmal an meine fahrerischen Grenzen. Gleiches gilt für die Straßen hier: wenn einem auf 1200m Höhe auf einer sehr schmalen, einspurigen Straße ein großer LKW entgegen kommt, dem man auf 200m rückwärtsfahrend ausweichen muss, so ist das kein tiefenentspannter Moment für mich. Ich hoffe, Norwegen stellt mir keine Rechnung für diese Konfrontationstherapie.

Verkehrssituation Norwegen. Es geht aber noch dunkler und noch schmaler.

Verkehrssituation Norwegen. Es geht aber noch dunkler und noch schmaler.

Solltet Ihr vorhaben, einen Roadtrip durch Norwegen zu machen, plant nicht mehr als 150km pro Tag in diesem Land ein, denn die Straßen hier haben es in sich und enden häufig einfach am Wasser, dann heißt es, sich anstellen und auf die Fähre warten, die im Durchschnitt 103 NOK kostet. Selbst sogenannte Europastraßen, also viel befahrene, eigentlich gut ausgebaute, sind öfter als man es möchte einspurig. Darüber hinaus führen die meisten Wege direkt am Fjord entlang oder über diverse Hochplateaus und Gebirge, sogenannte Fjelle, die zu Beginn und am Ende meist mit ordentlich Steigung oder Gefälle aufwarten, oftmals in Form von spektakulären Haarnadelkurven.

Kristalle und Mineralien

In Kongsberg packt uns das Mineralien- und Kristallfieber, die Therapiestunden könnte ich davon zwar nicht bezahlen aber es macht unheimlich Spaß. Und wir werden fündig. Der Plan war eigentlich, nach dem Frühstück einen Spaziergang um den See zu machen, an dessen Ufer wir genächtigt hatten, doch an einem Geröllhaufen lenkt etwas von der Sonne Angestrahltes meine Aufmerksamkeit auf sich. Da es glitzert und blinkt, greife ich sofort danach. Es ist ein Kristall, in perfekter geometrischer Form, fast transparent. In ihm spiegelt sich die Sonne in allen Spektralfarben. Es scheint ein eigenes, kleines Universum darin eingeschlossen zu sein, nur sichtbar für den, der genau hineinsieht. Nach über 4 Stunden des Suchens und Findens schleppen wir an die 4 Kilo Gestein ins Auto. Eine weitere Stunde verbringen wir mit der Begutachtung und Selektion.

Es glitzert, es ist sinnlos...

Es glitzert, es ist sinnlos…

So fahren wir langsam immer weiter vom Osten Norwegens in das Fjordland hinein. Schummeln uns in Duschhäuser, lernen andere Langzeitreisende kennen, wandern, liefern uns an liegengebliebenen Schneefeldern Schneeballschlachten und machen Bekanntschaft mit Schafen und Ziegen, die überall in höheren Lagen frei unterwegs sind und einem auch mal den Schlaf rauben, weil sie permanent versuchen, unter das Auto zu kriechen. Warum auch immer.

Mit Schafen muss man überall rechnen. Rechts: die Schlafräuber.

Mit Schafen muss man überall rechnen. Rechts: die Schlafräuber.

Unser Wetterglück verlässt uns schon bald. Im Fjordland herrscht ständiger Wetterwechsel, der uns jeden Tag beglückt. Jedoch nicht von Sonne zu Regen und umgekehrt, sondern von Regen zu noch mehr Regen zu Starkregen. Den Lysefjord erkunden wir leider so immer nur aufs Nasseste vorbereitet mit Regenklamotten. Was in Anbetracht der Wanderstrecken, die wir uns vorgenommen haben, nicht nur anstrengender, sondern auch riskanter ist.

Kjeragbolten

Vor allem der Weg zum Kjeragbolten wird so zu einem Himmelfahrtskommando. Um zu diesem Felsbrocken zu kommen, der hoch oben auf knapp 1000m zwischen zwei gerade hinabfallenden Bergmassiven eingeklemmt ist, müssen sehr steile und bei Regen wahnsinnig glatte Felswege überwunden werden.

Sehr steile und glatte Felswände müssen über hunderte Meter überwunden werden

Sehr steile und glatte Felswände müssen über hunderte Meter überwunden werden

 

Landschaft über den Wolken

Landschaft über den Wolken

Einzige Hilfsmittel: sehr gute Wanderschuhe, im Fels verankerte Ketten oder Seile und die (starke) Hand des Partners.

Zieh mich hoch!

Zieh mich hoch! / Weit unten im Tal Lysebotn

Der Weg ist immer gut erkennbar durch rote Ts und Steintürmchen markiert. Leider verhindert dicker Nebel die Sicht auf den Lysefjord, manchmal sogar auf den Wanderweg. Wir scheinen mitten durch die Wolken zu laufen, die sich langsam und träge über das Hochplateau schieben.

Die roten Ts zeigen Dir den Weg

Die roten Ts zeigen Dir den Weg

Hier oben stehen alle paar Meter Steintürmchen, so dass eine Orientierung zum Kjeragbolten schwer fällt. Doch da uns ein Pärchen vorher darüber informiert, wo man genau abbiegt, nämlich am großen Stein rechts, finden wir unser Ziel.

Endlich, der Kjeragbolten!

Endlich, der Kjeragbolten!

Die Ersten stehen bereits wagemutig auf diesem etwas weniger als 1x1m breiten Stein und lassen sich in endlosen Blitzlichtgewittern fotografieren: mit hochgestreckten Armen, im Schneidersitz, in einer Yogastellung oder wackelig und zitternd wie Espenlaub so schnell wie möglich. Es ist wie ein Unfall, den in Schlange stehenden Touristen dabei zuzuschauen, wie sie sich auf den Kjeragbolten quälen, so dass ich mich entscheide, es ihnen nicht gleichzutun. Ein falscher Schritt und nach einem kribbeligen und sicherlich berauschenden 1000m-Flug war’s das.

Steinstellungen

Steinstellungen

Für uns reicht es, ziemlich nah an der Abbruchkante zu stehen und diesen atemberaubenden Blick hinab auf den Lysefjord zu haben. Die Wolken lichten sich und die Sonne lässt den gerade noch mausgrauen Fjord in den intensivsten Farben erstrahlen, Grün- und Blautöne leuchten um die Wette.

An der Abbruchkante

An der Abbruchkante

Die freie Sicht lässt die Ahnung von der Tiefe Realität werden. Ein Blick nach unten und es beginnt im Bauch zu kribbeln, die Beine werden weich. Nach einer Stunde des Genusses treten wir den Rückweg an und den Rest des Tages verbringen wir mit Ausruhen.

Familiäre Stimmung

Familiäre Stimmung

Einige Tipps für Diejenigen, die diese Wanderung gern unternehmen möchten:

  • sehr gute und rutschfeste Wanderschuhe sind dringend erforderlich, auch eine gute Kondition kann nicht schaden
  • genug Wasser und Proviant mitnehmen, viele Kalorien sind von Nöten
  • Ausgangspunkt für diese Wanderung ist das Panoramarestaurant Øygardstølen oberhalb von Lysebotn, die Parkgebühr dort kostet mittlerweile sagenhafte 150NOK. Es gibt jedoch 1-2 Möglichkeiten, woanders zu parken und sich diese horrende Summe zu sparen
  • für die Wanderung zum Kjeragbolten und zurück zum Ausgangspunkt haben wir mit vielen kleineren und größeren Pausen 5-6 Stunden gebraucht
  • die Wanderung ist nicht mit Hund oder Kindern unter 9 Jahren empfehlenswert
  • Menschen mit Höhenangst sollten diese Tour vielleicht besser nicht unternehmen
  • bestes Wetter (leider Seltenheitswert in Norwegen) schafft beste Voraussetzungen, sicher und beeindruckt wieder anzukommen
  • Fotoapparat für eindrucksvolles Beweismaterial nicht vergessen

Preikestolen

Im Gegensatz zur familiären Atmosphäre am Kjeragbolten gleicht die Wanderung zum Preikestolen einem multikulturellen Massenspektakel. Alle Nationen scheinen von ihr angezogen zu werden, der Felskanzel, die hoch oben auf 600m über dem Lysefjord thront. Ein individuelles Tempo wird hier jäh im Keim erstickt, Anpassung und in Reih und Glied laufen ist angesagt. Das gilt natürlich nicht für die Fitnessjunkies, die den beschwerlichen und steinigen Weg nach oben joggen und sich so immer wieder an allen anderen vorbeidrängeln. Nach 2 Stunden harter Arbeit taucht die Plattform endlich auf, die man nur erkennt, weil sich darauf winzige bunte Punkte hektisch bewegen – winkend, kreischend, jauchzend.

Viel los hier oben

Die letzten 500m sind nichts für Angsthasen: es geht entlang einer steil hinabfallende Abbruchkante ohne Sicherung und ohne auf ein entspannendes tiefes Durchatmen zurückgreifen zu können, denn überall sind aufgeregte, wühlige, laute Menschen. Manche mit wenig bis gar keiner Körperkontrolle, die einem auch noch bedrohlich nahe kommen. Unseren Proviant vertilgen wir auf dem knapp 25x25m breiten Felsplateau und beobachten das bunte Treiben hier oben.

Weniger familiär als beim Kjeragbolten

Weniger familiär als beim Kjeragbolten

Wir hoffen auf ein Abebben des stetig ankommenden Menschenstromes, was sich leider nicht erfüllt und so treten wir nach knapp einer Stunde den Rückweg an.

Grandioser Ausblick über den Lysefjord

Grandioser Ausblick über den Lysefjord

Der Wanderweg führt durch eine urtümliche Fels- und Moorlandschaft, teilweise durch Wald und an kleinen Seen vorbei. Der Genuss bleibt nur leider etwas auf der Strecke, viele scheinen keine Rücksicht auf andere Wanderer zu nehmen, jeder will der Erste sein. Wettkämpfe bei Olympia sind nichts im Vergleich dazu.

Wieder ein paar Tipps für diejenigen, die es uns gleichtun wollen:

  • früher Vogel fängt den Wurm: den Menschenmassen entgeht man am besten, indem man sich zeitig, also vor 7 Uhr auf die Socken macht, dann kann es sein, dass man sich die Kanzel gerade einmal mit einer Handvoll Menschen teilt
  • wieder sind gute und rutschfeste Wanderschuhe und eine gute Kondition erforderlich
  • genügend Proviant mitnehmen, ausreichend Wasser nicht vergessen
  • der Parkplatz vom Ausgangspunkt der Wanderung aus kostet mittlerweile 150 NOK! Es empfiehlt sich, direkt von einem der Campingplätze aus zu starten und sich diese Kosten zu sparen, denn kostenlose Ausweichparkplätze sind sehr rar
  • wir haben für den Auf- und Abstieg exklusive Pausen ca. 4 -5 Stunden benötigt
  • hier muss man sich nicht auf die mit roten Ts markierten Bäume oder Steine konzentrieren, sondern einfach nur der Masse folgen
  • auch hier gilt: wer große Angst vor Höhen hat, sollte diese Wanderung vielleicht lieber nicht unternehmen

Nun ja, Norwegen kostet, Nerven und Geld aber dafür bekommt man eine wirklich unvergleichliche und vielfältige Natur geboten, die Abwägungen und Entscheidungen schwer macht. Norwegen will erarbeitet werden. Eine Arbeit, die Spaß macht und erfüllt.

Nächste Station: Stavanger

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