Wir haben Eis. Wo ist der Whiskey!?

Buerbreen

Unseren ersten norwegischen Gletscher finden nicht wir, er findet vielmehr uns. Auf dem Weg nach Norden, kurz vor dem Städtchen Odda, passieren wir den Låtefoss, einen wirklich imposanten Zwillingswasserfall. Die gesamte Fallhöhe von 165m können wir leider nur erahnen, denn die Wolken hängen wieder mal so tief, dass man sie beinahe berühren kann. Und es regnet in Strömen. Odda hat nicht wirklich viel zu bieten, außer einem phänomenalen Blick auf den Gletscher Buerbreen, einem Ausläufer des riesigen Folgefonn-Gletschers.
Unser Bauchgefühl bringt uns westlich an Odda vorbei. Die Straße vor uns ist für Wohnmobile gesperrt, ein mit rot durchgestrichenes Wohnmobil – unser Lieblingszeichen auf dieser Reise – besagt das. Wir lassen uns davon jedoch nicht abschrecken und fahren hinein. Die Straße soll angeblich eng sein und keine Wendemöglichkeit haben. Die Teerstraße geht in eine Schotterstraße über und wieder warnt ein Schild, dieses Mal vor dem schlechten Zustand der Straße und dass es keine Buchten zum Ausweichen bei Gegenverkehr gibt. Außerdem ein weiteres Schild: über 2,10m Breite ist die Durchfahrt verboten. Nun ja, unser Camper ist breiter aber was kostet die Welt. Die Landschaft, durch die diese Straße führt hat sich plötzlich gewandelt, keine Häuser mehr, nichts von Menschenhand Gemachtes. Nur noch Natur: links und rechts Fichten, Gräser, ein Wildbach. Wir fahren durch ein wildes, schmales Tal an dessen Ende der Buerbreen-Gletscher zu sehen ist, mächtig, überwältigend und blau. So blau, dass ein neues Wort für blau erfunden werden müsste.

Der Låtefoss / Blick ins Buerdalen

Der Låtefoss / Blick ins Buerdalen

Die Straße ist eine Sackgasse, endet jedoch glücklicherweise an einem kleinen Parkplatz, an dem kein Verbotsschild uns an einer Übernachtung hier hindern kann. Wir bleiben an diesem Abend nicht die Einzigen.

Als der Regen am nächsten Tag etwas nachlässt, entscheiden wir uns spontan dazu, die Wanderung zum Gletscher in Angriff zu nehmen. Ein wirklich schöner Aufstieg. Durch dick bemooste Birkenwälder, über reißende Flüsse, auf Bohlenwegen durch Moos, Matsch und Schlamm und an dicken Seilen glatte und steile Felswände empor.

Aufstieg zum Buerbreen

Aufstieg zum Buerbreen

Eine Schutzhütte oben am Gletscher hilft uns, den nächsten Regenschauer relativ trocken zu überstehen. Die Hütte füllt sich zusehends. Es wird gelacht, erzählt und eine Runde Bier geschmissen. Ja, es gibt Menschen, die tragen auf recht anspruchsvollen Wanderungen Dosenbier mit sich herum, um es dann mit anderen Wanderern zu teilen…

Blick aus unseren Fenstern

Blick aus unseren Fenstern

Jostedalsbreen: Fåberstølsbreen und Nigardsbreen

Unsere nächsten Gletscher erreichen wir über das schmale, ursprüngliche und teilweise bewaldete Jostedalen, das östlich an den Jostedalsbreen Nationalpark grenzt. Hoch über dem Tal thront der mächtige Jostedalsbreen, der größte Gletscher auf dem europäischen Festland. Diesem Plateaugletscher kann man mit einer etwas schweißtreibenden Fahrt zum in 1.200m Höhe liegenden Stausee Styggevatnet recht nahe kommen. Nur noch der See trennt einen dann davon. Die Straße ist vor allem die letzten 5km schmal und unbefestigt, ohne Sicherung an steilen Passagen.

Auf dem Weg zum Gletschersee Styggevatnet

Auf dem Weg zum Gletschersee Styggevatnet

Da oben wartet dann aber eine faszinierende weiß-blaue Landschaft auf uns. Weiße Eisschollen schwimmen im tiefblauen Wasser. Im Hintergrund ergießt sich der Jostedalsbreen in den See. Kein Vogel, keine Stimmen, kein anderes Geräusch ist hier oben zu hören, absolute Stille. Ich komme mir vor, wie in den weißen Weiten Grönlands.

Styggevatnet und Jostedalsbreen

Styggevatnet und Jostedalsbreen

Zwei Ausläufer des Jostedalsbreen erkunden wir in den nächsten zwei Tagen. An einem wunderschönen und ruhigen Parkplatz, an dem wir auch die Nacht verbringen, gibt es einen schmalen Zugang zum ziemlich unbekannten Fåberstølsbreen-Gletscher. In keinem Reiseführer habe ich davon gelesen. Die Menge an Autos auf dem Parkplatz verrät die Besucherfrequenz: 3. Der schmale Pfad führt die gesamte Zeit über kleinere und größere Steine. Festes und gutes Wanderschuhwerk ist also dringend anzuraten. Der letzte Kilometer bis zur Gletscherzunge besteht aus lockeren, losen Gesteinsbrocken, die balancierend überquert werden müssen. Jetzt trennt uns nur noch ein reißender Gletscherfluss vom Gletscher selbst. Nur über eine einzige Stelle gelangt man hinüber. Wir finden sie leider nicht. Nach mehreren Versuchen, den Fluss zu überqueren, geben wir auf. Das Erlebnis ist trotzdem einmalig: wir sind bis auf eine Gletscherwandergruppe auf der gesamten Wanderung, die ca. 2-3 Stunden hin und zurück dauert, die Einzigen hier. Die Einsamkeit, die Stille, die überwältigende blaue Gletscherzunge so nah vor uns, das Gefühl, winzig und trotzdem zugehörig zu sein, eine wundervolle Erfahrung.

Der Fåberstølsbreen, seine Flora, unser Stellplatz

Der Fåberstølsbreen, seine Flora, unser Stellplatz

Ein etwas anderes Ereignis diesbezüglich ist die Wanderung zum Nigardsbreen, einem weiteren Ausläufer des Jostedalsbreen etwas weiter südlich im Tal. Hier kommen jede halbe Stunde riesige Touristenbusse an, die die vielen Deutschen, Niederländer, Asiaten, Engländer … transportieren. Es werden geführte Gletschertouren angeboten; um zum Parkplatz nahe des Gletschers zu gelangen, wird Maut erhoben; es gibt ein riesiges Besucherzentrum inkl. Restaurant und Ausstellung und oben am Gletscher sind Absperrbänder aufgestellt. Aber der Nigardsbreen ist auch einer der Schönsten, er kann es sich leisten. Er wird von allen bewundert, begehrt, bestiegen.

Vor dem Nigardsbreen-Gletscher

Vor dem Nigardsbreen-Gletscher

Der Pfad zur Gletscherzunge hat es in sich: steile Felswände, glattes Gestein, man muss aufpassen und gute, rutschfeste Schuhe tragen. Nein, Ballerinas, wie sie einige Asiatinnen nicht nur hier, sondern auch auf dem Weg zum Preikestolen tragen, sind kein angemessenes Schuhwerk. Barfuß laufen ist auch nicht wirklich geeignet. Wenn man die Verbotsschilder scheuklappenartig übersieht, ist man was das Anfassen des blauen Gletschereises betrifft, am Nigardsbreen am Ende seiner Träume angelangt. Haben die Massen die Absperrketten inkl. Gefahrenschilder erst einmal überstiegen, gibt es kein Halten mehr: Eis anfassen; Selfies vor, neben, hinter dem Gletscher; Lotus, Baum oder eine andere mehr oder weniger gekonnte Yogastellung fürs digitale Fotoalbum. Wenigstens einmal Yoga im Jahresurlaub, besser als nichts.

Der Gletscher selbst trägt auf seiner Oberfläche überall kleine bunte Punkte. Wie an einer Perlenkette reihen sich auf ihm die miteinander durch ein Sicherungsseil verbundenen Gletscherkletterer aneinander. Langsam und schlangenförmig arbeiten sie sich nach oben.

Die Gletscherwanderer

Die Gletscherwanderer

Trotz all der Menschen ist es ein schönes Erlebnis, vor allem, dem Gletscher so nah kommen zu können, auf unerlaubte (Bad Boy-) Weise…

So nah am Nigardsbreen. No risc, no fun.

So nah am Nigardsbreen. No risc, no fun.

Bøyabreen

Der vorerst letzte Gletscher unserer Reise ist der Bøyabreen–Gletscher, der langsam in einem riesigen Trogtal auftaucht, als wir die RV 5 Richtung Geirangerfjord fahren.

Der Bøyabreen-Gletscher

Der Bøyabreen-Gletscher

Ihn darf man leider nur von weitem anhimmeln und er ist es wirklich wert. Wir sind umgeben von riesigen Bergen, die nur an einer Stelle eine Öffnung bieten. Als säßen wir wie kleine Pfefferkörner in einem großen Suppentopf. An dessen Rand schiebt sich die Gletscherzunge langsam Richtung Boden. Hier kann man sehr gut das durch den Gletscher ausgewaschene u-förmige Tal erkennen. Zu seinen Füßen liegt ruhig der milchig-blaugrau schimmernde Gletschersee Breavatnet. Wir entdecken etwas fern des Touristentrubels und des Restaurants mit Souvenirladen eine aus Europaletten gebaute Bank, auf der wir Stunden damit zubringen, diesen für uns schönsten Gletscher anzuschauen, unseren selbstgekochten Kaffee zu genießen und glücklich zu sein.

Was für eine Aussicht!

Was für eine Aussicht!

Im Gletschersee vor uns blinkt das abgegangene Gletschereis im Sonnenlicht. Später, auf dem Weg zum Auto kommt uns eine Familie entgegengeeilt, jeder der Vier hat etwas aus dem See gefischtes Gletschereis in der Hand und der Vater ruft lachend in entzückendem Sächsisch zurück: „Wir haben das Eis, wo ist der Whiskey!?“

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